Eine besondere Entwicklung
Acht Grabungskampagnen auf der Flur "sur Dompierre" bei Vallon haben die Fundamente eines Landsitzes in Form eines L von gesamthaft 160 m Länge bei 20 m Breite an den Tag gebracht. Drei Baukörper bilden die Anlage. Sie sind verbunden durch eine lange Portikus, einen zum Garten offenen Gang mit Säulenreihen und Arkaden. Als viertes Gebäude steht ein grosser Speicher auf der Ostseite der Anlage.

Zoom auf Grundriss
Vom Holzbau zum Landsitz
Seit dem Beginn unserer Zeitrechnung stehen Gebäude hier, gegenüber dem Felssporn von Carignan. Das älteste war aus Holz und gestampfter Erde errichtet. Im Norden wie im Süden war es von einem von Osten her kommenden Zufahrtsweg gesäumt. Etwa zwischen 70 und 100 n. Chr. wurden ihm zwei weitere Trakte angefügt, einer in der südlichen Verlängerung, ein anderer rechtwinklig dazu auf der Nordseite gegen den Bach hin. Mehrere Wohnräume fügen sich jeweils um eine zentrale Halle. Im Südgebäude dient diese als Küche.
Nach 150 erreicht der Landsitz von Vallon seine prächtigste Gestalt. Der ursprüngliche Mitteltrakt wird mit Kleinquadern aus gelbem Hauterive-Kalk vollkommen neu errichtet. In seinem Zentrum liegt ein Saal mit Apsis; auf dessen Fussboden prangt das Bacchus-und-Ariadne-Mosaik. Wesentliche Umbauten betreffen auch die übrigen Gebäude, die von nun an mit einer L-förmigen Portikus verbunden sind.
Zu Beginn des 3. Jahrhunderts wird das Nordgebäude umgebaut und mit dem Venatio-Mosaik geschmückt. Der ganze Komplex erreicht jetzt seine grösste Ausdehnung.
Baumaterial und Ausstattung
Während der ganzen Belegungszeit der Villa war Lehm, noch vor Holz und Stein, das wichtigste Baumaterial. Die tragenden Aussenmauern namentlich des Mitteltraktes sind mit Bruchsteinen (kleinen, rohen Quadern) gebaut, die Zwischenwände aus Fachwerk mit Ziegelfüllungen ausgeführt. Überall wurden die Wände vor dem Aufbringen des bemalten Verputzes mit einer Lehmschicht überzogen. Die Malereien entsprechen den Funktionen der verschiedenen Räume. Empfangssäle und die Portikus sind mit illusionistischer Architekturmalerei verziert wie sonst öffentliche Gebäude. Der über 40 Meter lange Arkadengang der Portikus ist auf der Innenseite mit profilierten Pfeilern und Bögen ausgezeichnet. Seine Aussenseite nimmt das Thema Garten und Wasser auf: Kandelaber, Delphine und das Haupt des Gottes Okeanos. Der Aussenverputz liegt auf einem fast wasserdichten Grundputz aus ziegelschrothaltigem Mörtel.
In den Zimmern wechseln rote, schwarze und gelbe Wandfelder ab, zusätzlich verziert mit pflanzlichen Motiven und schlanken Pflanzenstäben, die den Räumen Tiefenwirkung geben. Die gleiche Ausdrucksweise erscheint in den Treppenhäusern, hier aber mit Girlanden auf weissem Grund.
Böden und Funde
Aus Lehm sind auch die Fussböden in der Küche und in verschiedenen Nebenräumen. Anderswo bilden Dielenbretter, Mörtelguss, Tonplatten oder eben Mosaiken den Bodenbelag. Auf diesen Verkehrsflächen ist ein grosser Teil der Funde entdeckt worden. Im Saal mit dem Bacchus-und-Ariadne-Mosaik lagen zahlreiche Gegenstände, die die Rekonstruktion des Mobiliars und besonders eines Hausaltars (Lararium) mit seinen Bronzestatuetten ermöglichten. Auch in andern Räumen blieben Hinweise auf das Mobiliar erhalten: Schränke und Gestelle, Sitzbänke, Betten, Eckmöbel.
EBaugeschichte nach dem Brand
Ein verheerender Brand am Ende des dritten Jahrhunderts bedeutet einen entscheidenden Einschnitt in der Entwicklung der Anlage. Verschiedene Raumgruppen wurden nachher angelehnt an einzelne tragende Mauern wieder hergestellt. Der Arkadengang wird nicht mehr als solcher gebraucht. Er wird unterteilt; Feuerstellen werden angelegt. Ein Nebengebäude auf der Ostseite des Hauptgebäudes wird mit wieder verwendetem Baumaterial erneuert. Jeder Bautrakt ist nun um einen eigenen kleinen Hof angelegt. Während des Frühmittelalters werden verschiedene Mauern abgebrochen und durch Holzwände etwa in der gleichen Anordnung ersetzt. Auf der Nordseite werden vier Bestattungen angelegt: eine durchschlägt das Venatio-Mosaik, eine andere, ein Frauengrab aus dem 7. Jahrhundert, enthielt eine Halskette, Zierknöpfe und einen Spinnwirtel. Im ehemaligen Garten zeugen Pfostenlöcher von verschiedenen Bauten und zahlreiche Funde weisen auf die Wiederverrwertung verschiedener Baumaterialien und Metalle. Etwa zur gleichen Zeit wird das spätantike Mausoleum auf dem Felssporn von Carignan zu einer Kirche, einer der frühesten des Kantons, ausgebaut. |